Rückblick auf eine Karnevals-Session (2010/2011)
oder "Der kurze und intensive Lebenslauf eines Bazillus"
 
 
 

Vor langer Zeit - wir schrieben noch das Jahr 2010 - fand sich eines Abends ein Häuflein seltsam verkleideter Gestalten in einem dämmerigen Kellergewölbe an Honnefs Bergstrasse zusammen. Das alte Gemäuer hatte im Laufe seiner Jahrhunderte langen Lebens schon öfter ähnliche Szenen erlebt und erwartete daher gelassen die weitere Entwicklung.
Vier ächzende Männer schleppten alsbald auf einer Bahre ein weis verhangenes, lebloses Bündel herein. "Aha", dachte sich das Gemäuer, "wieder mal ein Mord".
Aber das Gegenteil war der Fall: Sie versuchten da irgendetwas zu erwecken, das sie "Bazillus Carnevalis" nannten. Nun verstand das Steingewölbe durch seine früheren Besitzerinnen, die barfüssigen Nonnen, etwas Latein und ihm war schnell klar, worin die ruchlose Tat diesmal bestand. Mit Hilfe dieses Bazillus sollte offenbar eine Seuche in Bad Honnef ausgestreut werden.
Man redete also auf das zunächst stille Bündel ein. Das regte sich schließlich und verlangte lautstark nach rheinischem Manna, sprich Kölsch, trug dann lustige Verse vor und veranlasste die ganze Gesellschaft zu lautstarkem Gesang. Da erkannte das Gewölbe, dass es sich hier ganz offenbar um einen fröhlichen und harmlosen Bazillus handelte.
Da aber irrte das Gemäuer: fröhlich ja, doch harmlos keineswegs.
Unser Bazillus, mit bürgerlichem Namen Henricus Wilhelmus, um beim Latein zu bleiben, war sich seiner Aufgabe bewusst. Da es medizinisch als erwiesen gilt, dass beim Bützen die meisten Bazillen übertragen werden - jedenfalls, wenn man es richtig macht - schnappte er sich sofort die nächststehenden weiblichen Exemplare und machte sich flott ans Werk. Verantwortungsbewusst, wie er nun einmal ist, dürfte er inzwischen mit der weiblichen Belegschaft der Gesellschaft durch sein. Sollte er wieder Erwarten, eine Dame vergessen haben, möge sie jetzt reden oder für immer schweigen.
Klar, dass mit so einem Anschob, der Rest des Abends, also die Alaafs, die Gesänge, das Geschunkel, nicht zu vergessen Gebütze und Getränke sich weitgehend verselbständigten und die Gesellschaft mutig in die Zukunft blickte und die hieß in diesem Fall: Marathon-Session.

Wie immer kam dann erst einmal gar nichts, das heißt die stille Zeit, Advent, Weihnachten und Silvester. Doch für unseren Bazillus war es die Ruhe vor dem Sturm. Dann aber kamen die Starter-Fete und der Bazillus obenauf.

Dieses Mal konnte das Kellergewölbe keinen Zweifel haben, um welche Art Veranstaltung es sich handelte, denn vom ersten Augenblick an steppte da der Bär. Ein sicheres Zeichen ist schon immer, wenn angekündigt ist: Beginn 20.00 Uhr, Einlass 19.00 Uhr und man dann ab 18.30 Uhr kaum noch einen Stehplatz findet. Wie auch immer man das werten will, mangelndes Interesse kann es kaum sein.
Alle wollten sie dabei sein. Alle Tanzmädchen, alle Löstige, alle Freunde - apropos Freunde: die stets getreuen Aegidienberger Klebehosen (auf deutsch Kläv Botze) schickten uns wieder das Beste, was sie hatten, also Prinz, Lieblichkeit Aegidia und das gesamte Gefolge. (Aegidia übrigens mit ständig über 100.000 Volt). Wer bisher geglaubt hatte, es wäre eng im Keller, der wurde gleich eines Besseren belehrt. Denn jetzt erschien auch das Halt Pöler Dreigestirn, das ja für sich allein schon ein bisschen Platz braucht und brachte noch Musik-Corps und Stadtsoldaten mit. Und man kaufte ihnen gerne ab, dass sie ihr Kommen als Besuch bei Freunden bezeichneten. Schließlich haben sie es oft genug wiederholt. Dann drängten auch noch die Unkeler Hunnen überfallartig herein, aber was will man von Hunnen auch anderes erwarten. Überfall ist nun mal ihr zweites Ich, selbst, wenn sie Grippe-geschwächt sind. Bald schon erklangen neben den zahlreichen Alaaf-Rufen auch die schmissigen Kampf-Gesänge der Tollitäten, die inzwischen nach einer langen Session bestimmt jedes Kind in Honnef auswendig kann. Kein Wunder, bei den Ohrwürmern, die sie als Grundlage genommen hatten. Von Plagiaten zu sprechen, verbietet sich von selbst in diesem Zusammenhang. Der Bazillus hatte an diesem Abend nicht viel Arbeit, die Seuche hatte sich verselbständigt. Ich ertappte ihn allerdings einmal dabei, wie er die alte Mauer streichelte und ihr zuraunte: "Du wirst doch jetzt nicht schlapp machen und aus deinen Grundmauern platzen, komm wir stehen das zusammen durch." Und die Mauer flüsterte zurück: "Gibst Du mir wenigstens ein Bützchen, schließlich bin doch auch ein weibliches Wesen." Wie es ausging weiß ich nicht, weil ich diskret wegschaute. Jedenfalls aber hat die Mauer gehalten.

Und dann war er da, der Tag der Tage. Oder besser noch, der Abend der Abende. Wir Löstige waren zurück zu den Wurzeln und das hieß in diesem Falle, zurück im Seminaris, zurück bei einem bodenständigen Programm, zurück zur alten Fröhlichkeit. Und was das Schönste war, mit uns war fast unsere ganze Clièntel wieder bei uns und es war auch die echte, urwüchsige Stimmung der Vergangenheit wieder erstanden. Man hatte wahrhaftig das Gefühl wieder zuhause zu sein.
Das lag beileibe nicht nur an dem sogenannten Ambiente, wo natürlich die Zeit auch nicht stehen geblieben war, wie man besonders an den Preisen im Foyer sehen konnte. Nein das lag auch - oder vor allem - am Programm. Hier muss für unseren Literaten Dieter mal eine Lanze gebrochen werden. Abgerundet, ausgewogen, geschmackvoll, kurzweilig, kurz alles was das karnevalistische Herz so begehrt, das zeigte dieses Programm. Und sogar die Kritiker - ach, was soll ich sagen - es gab keine. Wann bitte, habe ich das zum letzten Mal erlebt. Dass die offizielle Presseresonanz positiv war, ist üblich. Aber dieses Mal konnte man auch zwischen den Zeilen lesen: gut gemacht, angekommen! Und die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: das war nicht immer so. Ich möchte jetzt wirklich nicht alle Programmnummern würdigen. Nur die knusprigen Mädels unserer Tanzgarde, den Augenschmaus in ihren barocken Uniformen muss ich einfach hervorheben. Apropos Barock: Allmählich müssen wir wohl aufhören die Gardemädels "Kinder"-Tanzkorp zu nennen. Das passt barock, Verzeihung, optisch nicht mehr.

Nach diesem Fest lag uns allen daran, dem Herrgott zu danken, dass er alles so gut geleitet hatte. Und wie könnte man das besser tun als im Kostüm und in Mundart und mit Herbert Breuer vorneweg. Das war doch allgemeinen Anliegens in Honnef und weit darüber hinaus. Die Karnevalsgesellschaften der Region waren trotz miesen Wetters vollzählig, die Kapellen und Musikcorps schmetterten sakrale und profane Weisen, die Fasanenfederträger wippten mit ihrem Federschmuck - und wie jedes Mal musste einer dies wieder genau vor und auf meiner Nase tun. So hatte ich abwechselnd mit heftigen Tränen der Freude und heftigem Niesreiz zu kämpfen. Aber der liebe Gott wollte mich da wohl prüfen. Ich schaffte das voll Ergebenheit, denn ein bisschen davon habe ich unserem Vorbild an Ergebenheit, Herbert, inzwischen abgeschaut. Der machte das souverän wieder wie immer und überall (überall deshalb, weil er inzwischen wohl so etwas wie der Hoch- und Kölsch-Meister der ganzen Region geworden ist). Und der Bazillus. Er war da, strahlte und sagte - nichts. Aber in seinen Blicken war deutlich zu lesen: "Na, bitte!"

Die Damensitzung kann ich, so gerne ich das täte, dieses Mal nicht kommentieren, da ich aufgrund eines körperlichen Handicaps nur eine kurze Stippvisite leisten konnte. Aber sicherlich findet sich noch eine Bazilla, die diesen Part für die Annalen übernimmt.

Marktschau, wie immer kalt, wie immer ganz langsam anfangend, wie immer: aber dann!
Tanzgarde auf Tanzgarde rollte an. Alle Farben waren vertreten. Kölsch auf Kölsch rollte an und dazwischen gelegentlich auch etwas zum Ölen. Denn wer kann denn schon dieses Kölsch dauernd so trocken runterwürgen?
Es ging laut und es ging lange und es wird weitergehen. Nächstes Jahr. Der Bazillus hatte viel zu tun, musste er doch überall sein und fast überall gleichzeitig. Als er die Sache aber so richtig in Schwung gebracht hatte, zog er sich stillvergnügt zurück in das Gewölbe, wo er alsbald beabsichtigt, sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, sprich sich von der geleisteten Arbeit müde wieder auf seine Lagerstatt zu betten.
In diesem Sinne: Schlafe, Bazillus, schlaf ein. Und noch ein letztes, gaaanz leises Alaaf!

Jochen Carsten (Senatspräsident)

 
     
Aufbereitung: Peter Monschau